Group 103 Mentalhealth – Blog

Es ist anstrengend

Das sagt Silke (43) übers Kinderkriegen – den Weg dorthin, die Geburt und das, was danach kommt.

Silke hat alles: eine neue Liebe, einen guten Job, ein Haus - und das langersehnte Kind. Trotz gesunder Tochter bleibt die Freude nach der Geburt aus, Silke hat eine postpartale Depression (PPD), so wie es viele Gebärende nach der Geburt erleben (die Schätzungen liegen bei 10–15%, in manchen Studien sogar bei bis zu 30%). Obwohl Wochenbettdepressionen häufig auftreten, bleiben sie ein gesellschaftliches Tabu. Als Auslöser gelten psychische Vorbelastungen, Stress (vor und während der Geburt), wenig emotionale Unterstützung, hohe Ansprüche an sich selbst sowie gesellschaftlich überhöhte Erwartungen an das Muttersein. So wie bei Silke.

Wir haben uns ja dazu entschieden, wir haben nun kein Recht zu trauern.

Silke

Mit Anfang 30 ist sie frisch geschieden und neu verliebt. Nach wenigen Wochen in der neuen Beziehung wird sie schwanger. Silke entscheidet sich aus rationalen Gründen für einen Schwangerschaftsabbruch: Die Beziehung ist noch frisch, sie hat gerade keinen Job – und was würden ihre Eltern oder ihr Ex-Mann denken, der sich so sehr Kinder mit ihr gewünscht hatte? Silke beschreibt ihren Zustand nach dem Abbruch so: «Obwohl es damals die richtige Entscheidung war, war ich in tiefer Trauer und niemand hat mir zur Seite gestanden. Ich kam zwei Wochen nicht mehr aus dem Bett. Es vergingen Monate, bis ich das alles wegdrücken konnte». Silke konnte ihre Trauer nicht leben, weil sie sich sagte: «Wir haben uns ja dazu entschieden, wir haben nun kein Recht zu trauern.» Daher hoffte sie, den Abbruch in einer Ecke archivieren zu können, um ihm nie wieder zu begegnen.

Doch es kam anders: Nach zermürbenden Jahren des Probierens und einer kostspieligen, schmerzhaften IVF¹ erwartete Silke Zwillinge. Ihr Partner und sie freuten sich sehr: «Wir wollten eh’ zwei Kinder und dachten, perfekt, zwei Fliegen mit einer Klappe», erinnert sie sich. In der 10. Schwangerschaftswoche zeigte sich, dass ein Zwilling keinen Herzschlag mehr hatte. Tiefe Trauer und irrationale Schuldgefühle überkamen sie: «Obwohl ich nicht religiös bin, dachte ich, das ist jetzt die Strafe für meine Entscheidung zum Abbruch von früher. Es geschieht mir recht, dachte ich.» Wieder fühlt sich Silke mit ihrer Trauer von ihrem Umfeld allein gelassen. Obwohl sie offen über den Verlust des einen Embryos sprach, lautete der Tenor in ihrem Umfeld: «Freu dich doch, ein Kind lebt ja noch».

Zur Trauer über den erlebten Verlust gesellte sich fortan auch noch die Angst, den zweiten Zwilling ebenfalls zu verlieren. Die restliche Schwangerschaft war belastend, die Geburt erlebte Silke als traumatisch. Es kam zu Komplikationen und endete in einem ungeplanten Kaiserschnitt. «Sie haben mir meine Tochter auf die Brust gelegt», erinnert sich Silke, «aber ich konnte kaum atmen. Ich dachte, jetzt krieg ich wegen ihr keine Luft.» Schwierigkeiten beim Stillen folgten auf die schwierige Geburt und Silke konnte zunächst keine echte Bindung zu ihrer Tochter aufbauen. Es folgten Überforderung, Erschöpfung und eine schwere Depression: «Ich wollte doch die perfekte Mutter sein und musste merken, es geht einfach nicht», resümiert Silke. «Es gab sehr schwierige Momente, ich wusste, ich darf und will mein Kind niemals schütteln – aber ich war öfter kurz davor. Ich habe mein Baby angeschrien». «Es ist fucking anstrengend», sagt sie im Rückblick mit einer belegten Stimme, die das Weinen zu unterdrücken versucht.

Silke war mutig. Sie schaffte es, sich Hilfe zu holen. Sie hat einen mehrmonatigen Klinikaufenthalt hinter sich, der ihr neue Kraft und Perspektiven gab. Silke schliesst unser Interview mit Worten der Hoffnung: «Du hast immer das Recht zu trauern, vielleicht gerade um ungeborene oder ‹zurückgeschickte› Kinder. Für mich sind wir heute eine Familie mit drei Kindern und das tröstet mich.»

¹ Die In-vitro-Fertilisation (IVF), oft auch als künstliche Befruchtung bezeichnet, ist ein Verfahren, bei dem eine Eizelle ausserhalb des Körpers mit Spermien zusammengeführt wird, um eine Befruchtung zu ermöglichen. Die befruchtete Eizelle wird dann in die Gebärmutter eingesetzt, wo sie sich hoffentlich einnistet und eine Schwangerschaft entsteht.

17.12.2025

Dr.*in Sabrina Lisi ist Autor*in bei Geschlechtergerechter

02.11.2025