Illu vater care Kultur – Kolumnen

The Care Party

Judy Chicagos «The Dinner Party» feiert die vergessenen Heldinnen der Geschichte, etwa Mathematikerinnen, Autorinnen oder Politikerinnen. Männer haben schon immer auch Carearbeit geleistet – selten, oft unbeachtet, aber nicht weniger bedeutsam. Höchste Zeit, auch ihre Geschichten zu erzählen.

Kürzlich hatte ich im Brooklyn Museum die Gelegenheit, Judy Chicagos «The Dinner Party» zu sehen. In dieser klassischen feministischen Kunstinstallation werden über 1000 Frauen für ihre Leistungen in der Geschichte gewürdigt. Die Prämisse ist: In der traditionellen Geschichtsschreibung werden die Beiträge von Frauen oft geschmälert, lächerlich gemacht oder ignoriert. Chicago setzt in ihrer Installation einen Kontrapunkt dazu. Das Werk wurde vor fast 50 Jahren erstmals gezeigt und seither oft kritisiert, vor allem dafür, welche Frauen nicht ausgewählt wurden. Der Grundtenor bleibt bestehen: Frauen haben schon immer viel geleistet – und vieles davon auch in Wissenschaft, Kunst und Politik trotz struktureller Hindernisse. Diese Geschichten sollen erzählt werden. Punkt.

Genauso wichtig scheint mir aber auch die (vielleicht gewagtere) Antithese: Männer haben immer auch schon (unbezahlte) Carearbeit geleistet. Natürlich – nicht so oft und so viel, wie angemessen gewesen wäre, aber doch auch. Und das muss auch erzählt werden. Diese Rollenmodelle sind ebenso nötig wie die Ingenieurinnen und weiblichen CEOs.

Wo sind sie nun also, diese Männer in der Vergangenheit, die Carearbeit geleistet haben?

Alex Schindler

Nun, diese Behauptung aufzustellen, war einigermassen einfach – aber es braucht doch ein paar Belege. Wo sind sie nun also, diese Männer in der Vergangenheit, die Carearbeit geleistet haben? Historikerinnen und Anthropologen könnten Geschichten erzählen von Erziehern im antiken Griechenland, von Mönchen, die sich um Kranke und Arme kümmerten, oder von indigenen Völkern mit gemeinschaftlicher Kinderfürsorge. Wenn ich an meine eigene Erfahrung, meine Kindheit in den 1990ern zurückdenke, waren es zwar meistens Frauen, die meine Kleider gewaschen haben, die mich gepflegt haben, wenn ich krank war, die aufgestanden sind, wenn ich etwas ausleerte. Aber dennoch, ab und zu, traf ich sie doch an, die Männer, die solches leisteten.

Etwa der alte Mann, der in der Dachwohnung oberhalb von uns wohnte, als ich ein Dreikäsehoch war. Er liess mich sein Vorratsregal ausräumen, machte eine Wäscheklammer-Rutschbahn für mich und holte mir ab und zu ein leeres Wespennest vom Estrichdach. Prima Unterhaltung für mich und wahrscheinlich ein paar Momente Ruhe für meine Eltern.

Oder in der Familie meines Cousins: Mein Onkel und meine Tante teilten sich eine Stelle als Dorflehrer*in an einer kleinen Bergschule und waren abwechselnd an der Schule und zuhause. Ich war mir nicht gewöhnt, einen Mann zu sehen, der mit dem Staubsauger hantiert und Mittagessen kocht, und fand als Kind irgendwie den Anblick erstaunlich.

Oder im Zivildienst, als ich Taxi fuhr für mobilitätseingeschränkte Menschen. Die meisten Fahrten werden von den Freiwilligen – vorwiegend Männern – übernommen, aber einige Zivis ergänzen jeweils den Betrieb. Ich wurde dort von den Freiwilligen instruiert und war beeindruckt von ihrem Engagement und der Empathie, die sie ihren Fahrgästen entgegenbrachten.

Und dann sah ich ab und zu noch den Mann auf dem Fusswegverkehrsschild, der ein Mädchen an der Hand hält. Die Verkehrsschilder sind unlängst wieder Gegenstand von Debatten geworden, wer im öffentlichen Raum wie repräsentiert werden soll. Dieses Schild erlangte Spott und Kritik – meiner Meinung nach unberechtigterweise. Es ist bemerkenswert, dass im Schweizer Strassenverkehrskatalog von 1963 ein Mann gezeigt wird, der mit einem Kind spazieren geht, während auf dem äquivalenten Schild in Deutschland eine Frau mit glockenförmigem Rock das Kind begleitet.

Zugegeben – man muss sich die historischen Beispiele der Männer, die unbezahlte Carearbeit erledigten, zusammensuchen. Aber sie existieren und wir müssen von ihnen erzählen. Nicht um die viel grössere Leistung der Frauen in dem Bereich zu schmälern, sondern weil Vorbilder genauso wichtig sind wie Strukturen. Da ich kein Künstler bin, werde ich keine Installation zu diesen Geschichten machen, aber sicher gibt es andere Möglichkeiten, eine Diskussion anzustossen.

Alex Schindler


09.12.2025